„Der Kleine tanzt euch doch jetzt schon auf der Nase herum“ – vom Unverständnis für bedürfnisorientierte Erziehung

Huhu,

vor Kurzem haben wir jemanden besucht und der Tag verlief eigentlich recht entspannt. Wir haben gegessen, gespielt, gekuschelt und alles war ganz toll. Bis der Abend kam und mit ihm das Fieber.

Oh oh, die Zähne kommen

Unser Sonnenschein ist nicht krank, nein, er bekommt Zähne. Ich vermute sehr stark, dass es die Eckzähne sind, denn er hatte bisher noch nie 2 Wochen lang jeden Abend Fieber durch die Zähne. Jeder, der ein Kind hat, wird sicher schon von den Warnungen gehört haben. „Bei den Eckzähnen kann dein Kind alles haben – fürchte dich jetzt schon!“ Mir wurde von Augenentzündung, über Ohrenschmerzen, Fieber, Durchfall, Erbrechen, schlechter Laune, bis hin zu Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit alles Mögliche und Unmögliche „vorhergesagt“. Momentan sind wir „nur“ bei Fieber, schlechter Laune und unruhigen Nächten. *auf Holz klopf*

Und was hat das nun mit Erziehung zu tun?

Ganz einfach – mein Kind bekam am genannten Abend Fieber und schlechte Laune. Ich hatte zuvor bereits gesagt, er würde ein Zäpfchen (homöopathisch) benötigen und mir wurde erklärt, dies wäre vollkommen unnötig. Eine halbe Stunde später war aus meinem Sonnenschein ein meckerndes, anhängliches und sehr „trotziges“ Baby geworden. Wir spielten gerade Bowling auf der Wii als der „Trotzanfall“ kam. Er wollte unbedingt die Fernbedienung für die Wii haben, denn er wollte mitspielen. Ihm wurde erklärt, dass das gerade nicht geht. Wir wollten nach dieser Partie aufbrechen und haben uns beeilt, damit unser Mr. Grummel nicht zu lange warten muss. Er fing an zu weinen und steigerte sich in einen seiner – recht harmlosen – „Trotzanfälle“. Dann kam die Gastgeberin, schnappte sich den Kleinen und meinte lapidar, wir wären ja selbst Schuld an dem „Trotzanfall“, denn wir würden durch unsere Erziehung zulassen, dass er uns „auf der Nase herumtanzt“.

Autsch.

Ich schluckte – dank meiner Erziehung und meiner Selbstkontrolle – allerlei bissige Kommentare herunter und grummelte leise vor mich hin. Das hatte gesessen. Mein Kind ist vielleicht ein wenig früh dran, aber mir Inkompetenz zu unterstellen, weil er „trotzte“? Puh. Ich ließ mir mein Kind abnehmen, spielte zu Ende, machte uns fertig und wir gingen. Mein müdes Kind im Kinderwagen, mein Lebensgefährte neben mir und ich, die angesäuert den Kinderwagen schob.

Wieso ich nichts gesagt habe

Ich kenne diese Person sehr gut und ich denke, dass viele Menschen ähnliche Personen kennen. Menschen, die jahrelang etwas „so und nicht anders“ gemacht haben und mehr oder weniger gute Erfolge erzielt haben. Kommt man hier mit anderen Ideen und Wegen an, werden diese oft ungesehen verschmäht. Hinzu kommt, dass ich bei dieser speziellen Person sehr schnell sehr emotional werde. Da ich in der Situation wusste, dass es meinem Kind schaden würde, habe ich also den Mund gehalten – vorerst. Ich habe mir bereits einige Möglichkeiten zurechtgelegt, wie ich dieses Thema demnächst ansprechen werde, denn ich habe schon oft Sätze gehört wie „na wenn du meinst – ist eh dein Kind“ oder auch „das ist eh deine Sache, aber …“. Kommt euch bekannt vor? Mir leider auch.

Wer gegen den Strom schwimmt …

Mit meiner „Erziehung“ stoße ich leider sehr oft auf Unverständnis. Wenn ich sage, dass ich mit meinem Kind kooperiere, werde ich zwischendurch sogar belächelt. Der Ansatz, dass das Kind ein Wesen ist, welches Respekt verdient hat, ist leider nicht so weit verbreitet wie ich gehofft habe. Ich muss zugeben, dass ich früher unreflektiert die Erziehungsgrundsätze meiner Eltern und Großeltern übernommen habe. Das Kind muss funktionieren, es braucht grenzen, es muss gehorchen und es muss brav sein. Mittlerweile sehe ich das Ganze ein wenig anders. Mein Kind ist ein menschliches Wesen. Es muss gar nichts. Ich will meinem Kind nicht meinen Willen aufzwingen. Er soll frei entscheiden und leben können. Natürlich greife ich ein, wenn ich denke die Situation ist gefährlich, schädlich oder sogar lebensbedrohlich! Doch ich gebe ihm nicht vor was er kann und was nicht.

Von der freien Entscheidung

Er kann selbst entscheiden was er anzieht. Ich kann nicht wissen, wie warm oder kalt ihm ist. Ich gebe ihm jedoch die Möglichkeit sich später anders zu entscheiden, indem ich wärmere Kleidung mitnehme. Er kann auch selbst entscheiden, ob er gerade Hunger hat oder nicht. Auch hier biete ich ihm Essen an, aber ich zwinge ihn nicht dazu um eine bestimmte, von mir festgelegte Uhrzeit zu essen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Ich hoffe sehr, dass mehr Menschen ein zweites Mal über das Thema Erziehung nachdenken. Die meisten Eltern wollen ihre Kinder zu selbstständigen Wesen erziehen, welche kritisch hinterfragen, Initiative zeigen, kreativ sind, etc. Meiner Meinung nach ist es jedoch nicht zuträglich den Kindern dann jede Entscheidung abzunehmen, ihnen zu erklären, dass sie noch „zu klein“ für dieses und jenes sind und Regeln durch sture Konsequenz durchzusetzen. Natürlich gibt es Regeln – die gibt es überall. Und klar können Kinder nicht alles selbst tun und brauchen – je nach Alter – bei einigen Dingen Hilfe. Doch wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind – ist es zum Schutz der Kinder oder aus Faulheit? Wenn mein Sohn mit seinem kleinen Besen hinter mir her läuft und „zusammenkehrt“, dann lasse ich ihn das machen. Natürlich ist es danach nicht sauber. Doch er liebt es, mir zu helfen und ich sehe keinen wirklichen Grund, ihm das zu verwehren.

Ein weiter Weg

Ich lerne noch immer und ich bin definitiv nicht perfekt. Doch ich hoffe, dass einige Erwachsene vielleicht ebenfalls Schritt für Schritt umdenken und die alten Muster überdenken. Stehen sie wirklich im Einklang mit dem, was ihr für eure Kinder wollt? Ist wirklich jedes „Nein“ notwendig? Würde es euch nicht auch frustrieren, wenn ihr bei allem was ihr tun wollt ein „Nein“ entgegen geschmettert bekommt? Mit diesen Fragen lasse ich euch für heute alleine.

Eure Freya

Vom schlechten Gewissen und der perfekten Mama

Huhu,

ich denke (nein, ich hoffe) ich bin damit nicht alleine. An manchen Tagen scheint einfach wirklich rein gar nichts zu klappen. Letzte Woche hatte ich so einen Tag. Abends hatte sich Besuch angemeldet, ich sah mich in der Wohnung um und dachte „Verdammt, noch so viel zu erledigen.“ Der Kleine hatte furchtbar schlechte Laune und selbst zusammenkehren war eine unmögliche Aufgabe. Nach 3 Stunden abwechselnd Kind durch die Wohnung tragen, ins Gitterbett stellen, schnell eine Ecke fegen und dann wieder zum weinenden Kind eilen war meine Laune vollkommen im Eimer. Ich war frustriert, wütend und genervt. Nach 3 Stunden hatte ich es weder geschafft mein Kind zu beruhigen (von schlafen legen wollen wir gar nicht anfangen) noch hatte ich die 10m² große Küche gefegt. Ich hatte noch weitere 5 Zimmer zu kehren und nur mehr 3 Stunden Zeit.

Also nahm ich mein Kind erneut hoch und lief durch die Wohnung. Durch meine Laune hatte ich ihn natürlich nur noch mehr aufgeputscht und war gar nicht mehr zu beruhigen. Nach kurzer Zeit wanderte er – schreiend – in sein Bett und ich kehrte die Küche fertig, um meine Frustration in den Griff zu bekommen. Das klappte natürlich nicht wie gewünscht und irgendwann schnappte ich ihn mir, ging ins Schlafzimmer und „schrie“ mir meine Frustration von der Seele. „Schreien“ weil es nicht an ihn gerichtet war. Es war einfach ein Herauslassen der Wut und Frustration ohne Ziel. Er sah mich groß an, ich erklärte ihm was mich beschäftigte und damit war die Situation überwunden. Er bekam eine frische Windel, ich stillte ihn und anschließend konnte ich 3 weitere Zimmer kehren. Die Tür zu den anderen Zimmern machte ich einfach zu, denn dort würde mein Besuch sowieso nicht hin wollen oder müssen.

Warum ich unbedingt kehren wollte? Tja, weil ich was das anbelangt einfach nicht anders „kann“. Klar, mir könnte es egal sein was andere denken, doch wenn ich weiß, dass jemand mit recht hohen Ansprüchen vorbeikommt, dann will ich eine halbwegs vorzeigbare Wohnung haben. Meine Ansprüche an mich selbst sind hier einfach hoch und auch wenn es vielleicht nicht so wirkt – sie sind schon sehr gesunken. Früher hätte ich den Tag zuvor Staub gewischt, gekehrt, den Staubsauger geschwungen, aufgewaschen, zusammengeräumt, die gesamte Küche und alle Fenster geputzt, etc. Heute reicht mir kehren und eine halbwegs aufgeräumte Wohnung. Das ist einfach etwas, womit ich mich persönlich wohler fühle.

Was hat die Situation mit schlechtem Gewissen und perfekten Mamas zu tun? Alles. Ich wollte immer die „perfekte“ Mama sein. Eine saubere und immer perfekt geputzte Wohnung, immer frisch gekochtes Essen und Backwaren. Sohl Routine haben als auch spontan etwas unternehmen. Die perfekte Frau und Partnerin sein. Nebenher spielend leicht Karriere machen. Ihr kennt dieses Bild wahrscheinlich und Überraschung – das ist unmöglich.

Ich arbeite (noch) täglich von 10 bis 15 Uhr von zu Hause aus. Ich koche zwar meistens frisch, aber zwischendurch gibt es auch einfach nur Würstel oder das Essen vom Vortag. Backen ist ein Luxus, denn wir haben noch kein Backofengitter und mein kleiner Racker ist fasziniert von leuchtenden Dingen. Da ich keine Brandblasen verarzten will, wird halt nur dann gebacken, wenn mein Sohnemann selig schläft und auch mein Mann zu Hause ist. Routine gibt es bei uns zu Hause nicht wirklich, denn unser Sonnenschein stellt jeden Plan auf den Kopf. Spontanität ist ebenfalls eher Wunschdenken, denn auch hier macht mein Kleiner oft einen Strich durch die Rechnung. Von der „perfekten“ Frau und Partnerin wollen wir gar nicht erst anfangen.

Dummerweise bin ich – wie viele andere Mamas – seit meiner Schwangerschaft sehr viel im Internet unterwegs. Dort tummeln sich massig Mamas, die einfach perfekt scheinen. Sie arbeiten, informieren sich, leben gesund, machen Sport, führen eine glückliche Beziehung, haben eine tolle Beziehung zu ihrem Kind, etc. Dann sitze ich oft vor dem PC und denke mir „Sie schafft es doch auch. Das muss doch gehen!“ und dann kommt mein schlechtes Gewissen. Vergleiche sind schlecht – ja, doch das geschieht so automatisch, dass man es einfach nicht verhindern kann.

„Andere Mütter schaffen das doch auch.“ Dieser Satz kam mir schon oft in den Sinn und ich habe ihn leider auch schon zu hören bekommen. Solche Sätze sind unglaublich schmerzhaft, denn man beginnt an sich selbst zu zweifeln. Aber jede Mama ist eine „perfekte“ Mama. Ich wage zu behaupten, dass jede Mama ihr Bestes gibt um die „perfekte“ Mama für ihr Kind bzw. ihre Kinder zu sein. Klappt es mal nicht wie gewünscht, dann ist das auch in Ordnung. Man muss nicht alles „perfekt“ machen um „perfekt“ zu sein. Unsere Kinder lernen auch aus Fehlern. Wenn wir zu unseren Fehlern stehen und reflektiert und angemessen damit umgehen, dann können unsere Kinder so viel daraus lernen.

Ich habe mich viel mit „Good enough parenting“ auseinandergesetzt und dachte immer „Ja, genau!“ Wirklich verstanden hatte ich es aber wohl nicht. Erst diese -für mich – furchtbare Situation, in der sich meine Gefühle so extrem aufgestaut hatten, hat mir die Augen geöffnet und mich dazu gebracht diese Einstellung wirklich zu „übernehmen“. Man kann so viele Dinge lesen und lernen, doch wirklich verstehen können wir vieles erst dann, wenn wir selbst in so eine Situation geraten und die Erkenntnis haben, dass wir nicht perfekt sein können.

Das hat mich auch dazu gebracht noch einmal darüber nachzudenken, warum ich eigentlich diesen Blog schreibe. Die meisten Mama-Blogs sind von Journalisten, Hebammen, Pädagogen, Psychologen, etc. Nur wenige sind von Müttern, welche nicht schon zuvor auf irgendeine Art und Weise in dieser Richtung – sei es schriftstellerisch oder im Bereich Soziales – tätig waren. Mir hat das einfach gefehlt und ich wollte meine Erfahrungen mit euch teilen. Ich möchte euch daran teilhaben lassen, wie ich meinen Weg als Mama finde. Mein Anliegen ist es, dass ihr vielleicht ein paar Dinge mitnehmt, die euch dabei helfen können, den Alltag als Mama zu meistern oder auch an manchen Tagen einfach nur zu überstehen. Das heißt bitte nicht, dass die Blogs von Mamas aus diesen Bereichen schlecht sind oder ich sie nicht lese – ganz im Gegenteil. Ich lese sogar ganz viele dieser Blogs und bin sehr dankbar über die dortigen Informationen.

Eure Freya