Was emotionaler Missbrauch ist und die häufigsten Formen hatte ich hier bereits angerissen. Heute geht es mir allerdings darum, den emotionalen Missbrauch in der Erziehung ein wenig näher zu beleuchten. Wie ihr vielleicht schon wisst, gehe ich einen etwas anderen Weg mit meinem Kind als die meisten. Ich habe sehr viel Mist erlebt – schon in meiner Kindheit – und weiß daher, dass ich mein Kind davor schützen will. Leider falle ich durch meine Prägungen immer wieder in alte Muster zurück, welche ich Stück für Stück auflöse und umwandle. Doch jetzt geht es erst einmal um Erziehung, klassische Erziehung und warum ich diese furchtbar finde.

Was ist mit klassischer Erziehung gemeint?

Jeder stellt sich unter klassischer Erziehung etwas anderes vor, daher werde ich mal definieren, was ich meine. Für mich ist klassische Erziehung vergleichbar mit der Hundeerziehung. Es gibt Lob und Strafen. Das Ziel ist die Disziplin und der Gehorsam. Viele werden sagen „ja, aber nicht nur! Es geht doch auch um die Werte!“ Ich vertrete die Ansicht, dass die Werte nur durch Vorleben auch wirklich angenommen werden können.

Klar, ich kann meinem Kind vorbeten, dass es immer Danke und Bitte sagen muss. Aber wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind, dann ist unser Bitte und Danke ein automatischer Reflex und selten wirklich ehrlich so empfunden. Natürlich wünsche ich mir, dass mein Kind den Schmerz sieht, den er anderen zufügt und sich entschuldigt. Doch ich gehe einen Schritt weiter und hoffe, dass er sich aus tiefstem Herzen entschuldigt und nicht weil „man das ja so macht.“ Ich denke ihr habt jetzt eine bessere Vorstellung davon, was ich unter klassischer Erziehung meine und warum ich sage, ich gehe einen anderen Weg mit meinem Kind.

Was hat denn nun Emotionaler Missbrauch mit Erziehung zu tun?

Ich behaupte – alles! Die meisten klassischen Erziehungsmethoden sind emotionaler Missbrauch. Beispiele gefällig?

„Wenn du jetzt nicht sofort mitkommst, dann gehe ich ohne dich!“ – Einschüchterung, emotionale Erpressung, Aufmerksamkeitsentzug/Liebesentzug, Strafandrohung, emotionale Vernachlässigung

„Boah, du nervst!“ – Geringschätzung, den anderen als „Blitzableiter“ benutzen, emotionale Vernachlässigung

„Am liebsten würde ich dir eine scheuern.“ –
Einschüchterung, emotionale Erpressung, Aufmerksamkeitsentzug/Liebesentzug, Strafandrohung, emotionale Vernachlässigung

„Stell dich nicht so an. Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ – Geringschätzung

„Warst du das? Wenn ich draufkomme, dass du XY gemacht hast, dann setzt es was!“ – Einschüchterung, Strafandrohung, Verhör mit Strafandrohung

„Ich bin gerade so enttäuscht von dir, ich will dich nicht mehr sehen. Geh auf dein Zimmer.“ – Manipulation, Rollenumkehrung, Aufmerksamkeitsentzug/Liebesentzug, Verweigerung der Kommunikation, emotionale Vernachlässigung

Ich denke ihr habt einen ganz guten Überblick bekommen, was ich meine. All diese Sätze gehen uns so leicht von den Lippen und vermutlich haben die meisten diese Sätze auch selbst gehört. Wenn ich daran denke, was das mit mir gemacht hat und ich mir dann vorstelle, dass ich diese Sätze meinem Kind entgegenbringe … Nein danke! Ich weiß, was all diese Sätze anrichten können, denn ich habe sie alle schon gehört und noch viele mehr.

Was mache ich stattdessen?

Das kommt auf die Situation an. Ich versuche aktiv nicht mein Kind zu „bewerten“ sondern die Situation. Wenn sein Verhalten gerade anstrengend ist, dann sage ich ihm auch genau das. „Ich habe dich ganz doll lieb, aber dein Verhalten geht mir gerade ziemlich auf den Keks.“ oder auch nur ganz kurz „Boah, das nervt.“ Wenn ich doch mal in alte Muster rutsche, dann entschuldige ich mich direkt und erkläre mich. Ich erkläre, dass ich automatisch reagiert habe, dass ich mein Kind über alles liebe und er perfekt ist wie er ist. Immer wenn ich daran denke, sage ich meinem Kind wie großartig er ist und wie sehr ich ihn liebe. Klar, ich bin nicht perfekt und auch mein Kind wird irgendwann einen „Schaden“ davontragen. Doch ich versuche den Schaden gering zu halten und durch die Arbeit an mir selbst die automatischen Reaktionen zu verringern oder sogar zu eliminieren.

Das war – im Verhältnis zur Menge an Informationen die es darüber gibt – nur ein kurzer Blogpost, der zum Nachdenken anregen soll. Ich wünsche mir, dass wir alle beginnen unsere automatischen Reaktionen zu hinterfragen. Mir hilft es enorm mich zu fragen „was wäre, wenn ich an seiner Stelle wäre? Wie würde ich mich fühlen?“ Diese Fragen helfen mir zu mir zu finden. Zu der Art wie ich meinem Kind begegnen will. Ich muss jeden Tag aufs Neue an mir arbeiten und das ist nicht leicht, aber es lohnt sich.

Solltest du mit der Frage immer noch keine Antwort finden, dann stell dir doch vor, dass dich jemand so behandeln würde. Dein Partner, dein Chef, deine Familie. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du mit dieser Person ein ernstes Wörtchen reden würdest, oder? Unsere Kinder können das aber noch nicht. Sie sind auf uns angewiesen und wir sind ihre Vorbilder. Ja, alles was wir jetzt tun, wirkt sich auf unsere Kinder aus. Nicht nur seelisch, nein auch auf ihr zukünftiges Verhalten. Wir sind ihre Vorbilder und von uns lernen sie gesellschaftlich adäquates Verhalten. Dafür lohnt es sich doch, zu reflektieren und an sich zu arbeiten, findet ihr nicht?

Ich wünsche mir eine Zukunft in der unsere Kinder selbstbewusste, liebevolle und großartige Menschen werden. Lasst uns den Weg dafür ebnen, indem wir unsere Kinder mit Liebe statt Missbrauch aufwachsen lassen. Ich hoffe, dass auch ihr euren Weg findet.